Der Orthopädist/Die Orthopädistin
Die kleine Mara aus dem Nachbarhaus hat einen KnickSenkfuss, der Bruder einer Freundin ein instabiles Knie, Herr Müller von nebenan ist zuckerkrank und hat eine Wunde an der Fusssohle, die einfach nicht heilen will. Einer Arbeitskollegin der Schwester schlafen nachts immer wieder die Finger ein. Tante Elisabeth hat Venenprobleme und offene Beine, Onkel Herbert seit Jahren einen «kaputten Rücken», und der Bürokollege hat sich vor zwei Wochen beim Joggen den Knöchel verdreht.
Können brauchts und Zeit
Sie alle haben schon den Weg gefunden zu einem Atelier für Orthopädie. Die einen sind direkt dahin gegangen, die meisten aber wurden von ihren Ärzten mit einem Rezept in der Hand geschickt. Von einem Orthopädisten, einer Orthopädistin, erhielten sie Spezialschuhe, dazugehörige oder separate Einlagen, Schienen an Handgelenk und Knie, Gummistrümpfe und Stützkorsetts.
Der Orthopädist sucht für jede und jeden eine individuelle Problemlösung. Dies erfordert von den Berufsleuten genaue Kenntnisse des Bewegungsapparates, technisches Wissen und handwerkliches Geschick, Kenntnisse der verschiedenen Materialien und natürlich viel Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen. Die Kunden andererseits müssen die Zeit einplanen, um ausmessen zu lassen, an und auszuprobieren.
Schuhe, Schienen und Halskrause ...
An der Wand links ein Regal voller Schuhe, rechts in gläsernen Schränken allerhand Schienen und Bandagen und verteilt im Raum Stöcke, Gehhilfen mit und ohne Räder und weitere Hilfsmittel zum Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen. Vom Verkaufsraum abgetrennt sind zwei Räume, im einen steht über einem Band am Boden ein Bildschirm, im andern ein Schreibtisch, eine Liege und ein Lavabo.
Das sei der Gipsraum. So richtig spannend wird es aber erst in den Arbeitsräumen, über eine Wendeltreppe eine Etage tiefer erreichbar. An der Wand über einem Arbeitstisch die genaue Definition: «Die Orthopädie ist die Lehre der Entstehung, der Verhütung und der Behandlung von angeborenen und erworbenen Fehlern des Bewegungsapparats.»
Was genau macht der Orthopädist? Die Antwort ist ebenfalls in diesem Raum. Hier im Atelier stehen Nähmaschinen, Schuhmacher und Sattlerwerkzeuge, Mechaniker und Schreinerutensilien. Die bunten Kunststoffe auf dem obersten Regal erinnern an einen Bastelshop. Schräg darunter verschiedene dieser fürchterlichen Halskragen, um die man niemanden beneidet, der sie tragen muss. Viel Platz nehmen Einlagen in allen Grössen ein, die hier im Rohzustand auf ihr weiteres Schicksal warten.
... müssen passen wie angegossen
Der Orthopädist schleift in den Kork der Einlagen individuelle Formen. Seine Vorlagen sind Computerausmessungen der «fehlerhaften» Füsse oder auch Gipsabdrücke, die er in den oberen Räumen angefertigt hat. Je nach Problem überzieht er diese Einlagen dann mit verschiedenen Materialien, und bei Bedarf werden sie immer wieder bearbeitet, bis sie der Kundin/dem Kunden wie angegossen passen. Für den erwähnten Diabetiker werden Spezialeinlagen gefertigt, die an gefährdeten Stellen gezielt druckentlastend wirken.
An einem anderen Tisch legt eine Orthopädistin Schnittmuster für ein Stützkorsett auf und schneidet die einzelnen Teile zu. Auch dies eine Massanfertigung, die dem Patienten erlauben soll, trotz Rückenbeschwerden seiner Arbeit nachzugehen.
Aus einem Nebenraum holt der Orthopädist in Gips gegossene Hände und Füsse von Kunden, die dauernd auf ein Hilfsmittel angewiesen sind und alle Jahre wieder eine neue Schiene brauchen.
Bewegung schaffen auch für Sportstars
Immer öfter sind Hobby- und auch Profisportler unter den Kunden der Orthopädisten. An der Wand hängen zwei Zeitungsseiten. Darauf abgebildet sind die Spielerporträts der beiden regionalen Hockeyklubs. Nicht wenige der Spieler sind mit einem roten Punkt markiert. Sie alle waren schon da.
Der Orthopädist hat ihnen den Helm angepasst, verschiedene Spezialschienen konstruiert oder Einlagen in die Schlittschuhe gemacht. Für den Orthopädisten ist es wichtig, dass er seine Kunden optimal von Kopf bis Fuss betreuen kann. Fliegen lernt man im Atelier für Orthopädie zwar nicht, aber viele der Leute, die dorthin kommen, sind froh, wenn sie ohne Beschwerden gehen können.
Die Ausbildung
Voraussetzungen für den Beruf der Orthopädistin/des Orthopädisten sind Interesse an Menschen und an Technik, gutes Vorstellungsvermögen und handwerkliches Geschick. Die Grundausbildung für das Schweizerische FähigkeitsZeugnis als Orthopädist dauert vier Jahre und findet im Betrieb statt; die Gewerbeschule muss in Zürich oder Lausanne besucht werden.
Die Absolventen lernen die unterschiedlichsten Materialien kennen und erwerben Kenntnisse in Mechanik, Hydraulik, Pneumatik sowie Elektronik. Ihr Arbeitsbereich ist vielfältig: In der Sportmedizin, in der Rehabilitation oder auch als Mitarbeitende von internationalen Hilfsorganisationen ist ihr Können gefragt.
Für jene, die eine verantwortungsvolle Stellung übernehmen und beispielsweise einen eigenen Betrieb gründen möchten, gibt es eine gezielte Weiterbildungsmöglichkeit im technischen und unternehmerischen Bereich: Mit der höheren Fachausbildung kann sich eine Absolventin «Eidgenössisch diplomierte Orthopädistin» nennen.
« Quelle: Sprechstunde, Verlag Rosenfluh Publikationen, 8212 Neuhausen a. Rhf».
Lageplan