Interview Schirmer Jan

Das ausführliche Interview mit dem Herausgeber der citymed, Herrn Patrick Magewski und Herrn Jan Schirmer (Jan Schirmer Sexualpädagogik - Sexualität trotz Beeinträchtigung)
citymed: Herr Jan Schirmer, Sie arbeiten im Bereich der mobilen Sexualpädagogik für Menschen mit Beeinträchtigung. Was hat Sie zu diesem Arbeitsfeld geführt?
Jan Schirmer: In meiner Biografie habe ich erfahren, wie belastend es sein kann, mit der eigenen Sexualität nicht im Reinen zu sein. Durch Psychotherapie und intensive Selbstreflexion habe ich meine Mitte gefunden und meine Sexualität annehmen gelernt. Dabei wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, sich selbst zu verstehen und ernst genommen zu werden. Während meiner Ausbildung und Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung erkannte ich, wie stark Sexualität in diesem Bereich tabuisiert ist. Daraus entstand meine Motivation, Menschen zu unterstützen, ihre Sexualität selbstbestimmt, respektvoll und begleitet zu leben – besonders jene, die sich Hilfe nicht eigenständig holen können.
citymed: Was bedeutet Sexualität trotz Beeinträchtigung konkret?
Jan Schirmer: Es bedeutet die Anerkennung, dass Menschen mit Beeinträchtigung dieselben sexuelle Gefühle, Bedürfnisse und Rechte haben – genauso wie alle anderen Menschen auch. Mein Ziel ist es, Wege zu finden, wie sie selbst entscheiden können, was sie wollen und wie sie ihre Sexualität (er)leben möchten.
citymed: Sie bieten mobile Sexualpädagogik an. Warum ist dieses Format so wichtig?
Jan Schirmer: Eines darf ich vorneweg sagen. Die klassischen Beratungssettings in der sexuellen Gesundheit braucht es, definitiv. Es ist sehr gut und auch nötig, dass es dies gibt. Unsere Arbeit ist ein Miteinander, anstatt ein gegeneinander.
Meine mobile Sexualpädagogik für Menschen mit Beeinträchtigung stellt eine Ergänzung zu den bestehenden Angeboten der sexuellen Gesundheit dar, dass die betroffenen Personen ihre Sexualität vollumfänglich (er)leben können. Aber jetzt zur Antwort der Frage. Die Frage muss ich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven beantworten, da die mobile Sexualpädagogik sehr viel Optionen und Perspektiven ermöglicht und öffnet.
1. Schliessen Sie gerne ihr Augen und stellen Sie sich eine Person vor, die z.B. im Rollstuhl sitzt. Wie viel Barrieren hat diese Person im öffentlichen Raum, auf dem Weg in eine klassische Beratungsstelle? – enorm viele. Das merken Sie, wenn Sie mit einer Person, die im Rollstuhl sitzt, unterwegs sind, dann erkennen Sie wie viel Barrieren ihr wirklich im Weg stehen. Und das sind enorm viele. Diese Barrieren merken schon junge Familien mit Kinderwägen. Und das sind nur zwei Beispiel von vielen. Mit er mobilen Sexualpädagogik komme ich zur betroffenen Person. Damit fallen die öffentlichen Barrieren für den Zugang zu sexueller Gesundheit weg.
2. Sehr intime Gespräche können an dem Ort geführt werden, an dem sich die Person sicher und respektiert fühlt – zum Beispiel zu Hause oder in einer sozialen Organisation. Das schafft Ruhe, Vertrauen und Offenheit.
citymed: An wen richtet sich Ihre mobile sexualpädagogischen Leistung?
Jan Schirmer: Ich spreche direkt Menschen mit Beeinträchtigung an. Und andererseits auch das Umfeld, also das Betreuungspersonal in den sozialen Organisationen, Familien, Angehörige, Behörden, Beistandspersonen und soziale Dienste. Sexualität betrifft immer auch das Umfeld – deshalb ist es wichtig, alle Beteiligten einzubeziehen.
citymed: Worum geht es in der mobilen Sexualpädagogik mit Menschen mit Beeinträchtigung?
Jan Schirmer: Grundsätzlich geht es darum Sexualität, Intimität und Nähe (er)lebbar zu machen – weils ein Menschenrecht ist. Denn Sexualität ist ganz natürlich, und gehört untrennbar zu jedem Menschen von uns. Egal welche geschlechtliche Identifikation und Orientierung die Person hat. Das funktioniert nur, wenn die Person ihren Körper kennt, weis was dieser alles kann, wo welches Körperteil ist und wo die individuellen Grenzen liegen. Dies alles der Beeinträchtigungsart und -grad angepasst – wenn nötig mit Methoden der entsprechenden unterstützten Kommunikation (UK). Die mobile Sexualpädagogik betrachte ich aus zwei Perspektiven. Die Perspektive der Person mit Beeinträchtigung und die Perspektive der sozialen Organisation und/ oder dem Umfeld, in der sie lebt und. Dazu jedoch unten mehr.
citymed: Worum geht es in der mobilen Sexualberatung mit Menschen mit Beeinträchtigung?
Jan Schirmer: Wie oben beschrieben, blicke ich in der mobilen Beratung auf zwei Perspektiven. Perspektive betroffene Person und soziale Organisation oder Angehörige.
1. In meiner mobilen Beratung für die betroffene Person berate ich sie in ihren Rechten der sexuellen Gesundheit. Wie z.B. bei einer Person die biologisch eine Gebärmutter hat, dass Sie das Recht auf eine fachgerechte frauenärztliche und/ oder gynäkologische Untersuchung hat, etc..
2. Für das Umfeld: also den Betreuungspersonen sozialer Organisationen und deren Angehörigen stehe ich ebenfalls beratend zur Verfügung, wie diese Personen die Person mit Beeinträchtigung bestmöglich unterstützt werden kann, dass sie ihre Sexualität so selbstbestimmt wie möglich leben kann.
citymed: Neben Beratung bieten Sie auch mobile sexuelle Bildung an. Was ist darunter zu verstehen?
Jan Schirmer: In der sexuellen Bildung, auch sexuelle Aufklärung genannt, vermittle ich Wissen über den Körper, Sexualität, Rechte, Grenzen und Pflichten. Das Ziel ist, dass Menschen mit Beeinträchtigung informierte Entscheidungen treffen und sich vor Grenzverletzungen schützen können. Prävention spielt dabei eine zentrale Rolle. Wir sprechen über Wünsche, Fragen und Grenzen. Gemeinsam überlegen wir, wie Selbstbestimmung möglich ist und was die Person in ihrem eigenen Sexleben umsetzen möchte. Nicht selten darf ich das Betreuungsperson und die Angehörigen mit aufklären, weil das Wissen noch nicht vorhanden ist. Dadurch sind hier auch die beiden, oben genannten Perspektiven zu erkennen.
citymed: Ein sensibles Thema ist die sexuelle Begleitung beziehungsweise passive Sexualassistenz. Wie definieren Sie diese Arbeit?
Jan Schirmer: Passive Sexualassistenz bedeutet Unterstützung und Begleitung – nicht sexuelle Handlungen. Das macht die aktive Sexualassistenz (INSOS). Auf Wunsch begleite ich die Person mit Beeinträchtigung partizipativ zu externen Dienstleistungen wie z.B. Etablissements, etc. Wichtig ist dabei immer die professionelle Wahrung der Integrität und der Schutz der betroffenen Person.
citymed: Sie schulen auch Fach- und Betreuungspersonen in sozialen Organisationen. Was ist das Besondere an diesen Weiterbildungen?
Jan Schirmer: Meine Schulungen sind praxisnah und inklusiv. Eine Peer-Person begleitet mich und bringt ihre eigene und wichtige Perspektive ein. Dadurch entsteht ein realistischer Blick auf den Alltag und ein offener Umgang mit Unsicherheiten und Fragen im Team. In jeder durchgeführten inklusiven Personalschulung hatte ich mehrere Aha Effekt beim Personal. Dadurch sind auch hier wieder die oben erwähnten zwei Perspektiven zu erkennen.
Nebst all dem erhält die Peer-Person für ihren Einsatz Lohn. Dadurch bin ich ein inklusiver Arbeitgeber.
Es erfüllt mich mit meinem Alleinstellungsmerkmal, diesen Effekt erzeugen zu können und der Peer-Person einen Arbeitsplatz bieten zu können. Das ist für alle eine Win-Win-Situation.
citymed: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen im Berufsalltag am häufigsten?
Jan Schirmer: Das grösste Hindernis ist nach wie vor die Tabuisierung der Sexualität und noch tabuisierter die Sexualität mit Beeinträchtigung. Das ist fast schon ein «Nogo». Viele Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um eine respektvolle Haltung, Offenheit und die Bereitschaft, verbal oder auch nonverbal zuzuhören und im weiteren Schritt dann entsprechend professionell zu handeln.
Die nächste Herausforderung ist nach wie vor die Finanzierung. Meist wird für «wichtigeres» als die Sexualität der Betroffenen Geld ausgegeben, wundert sich dann jedoch, wenn es dann zu herausforderndem oder sogar zu übergriffigem Verhalten kommt. Hier kann ich nur sagen, wir alles wissen, es ist ein ganz natürliches und menschliches Bedürfnis. Hier blockieren nicht selten die Beistandspersonen und/ oder die Angehörigen den Prozess, auf Grund von Scham. Hierzu ist mein Apell: Prävention und Aufklärung ist günstiger als für die Schäden, nach einem sexuellen Übergriff aufkommen zu müssen.
citymed: Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Umgang mit Sexualität und Beeinträchtigung?
Jan Schirmer: Ich wünsche mir eine menschenwürdige Haltung. Der Umgang mit Sexualität und Beeinträchtigung ist ein Haltungsthema. Nur mit entsprechender Haltung ist die Offenheit, Selbstverständlichkeit und daraus schlussfolgernd auch die Finanzierung möglich. Sexualität sollte als Teil der Lebensqualität anerkannt werden – auch bei Menschen mit Beeinträchtigung. Wenn wir das akzeptieren, können wir sie wirklich begleiten und stärken.
citymed: Herr Jan Schirmer, vielen Dank für das offene und engagierte Gespräch.
Jan Schirmer: Danke vielmals – es freut mich sehr, dass dieses wichtige Thema bei Ihnen Raum bekommt.