Sexualtherapie Interview Katja Merk

Das ausführliche Interview mit dem Herausgeber der citymed, Herrn Patrick Magewski und Frau Katja Merk (Sexualberatung & Sexualtherapie)
citymed: Frau Merk, Sie arbeiten als Sexualberaterin und Sexualtherapeutin. Was ist Ihr grundlegendes Verständnis von Sexualität?
Katja Merk: Sexualität ist lern- und veränderbar. Sie entwickelt sich ein Leben lang und steht immer in engem Zusammenhang mit unserem Körper, der eigenen Wahrnehmung, unserer Atmung, Bewegung und (un-) bewussten Spannung. Viele sexuelle Schwierigkeiten sind keine Defekte, sondern erlernte Muster, die verändert werden können.
citymed: Mit welchen Anliegen kommen Klient*innen am häufigsten zu Ihnen?
Katja Merk: Sehr häufig geht es um Lustlosigkeit, Erektionsprobleme, Orgasmusschwierigkeiten, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder Unsicherheiten bezüglich des eigenen Körpers oder der sexuellen Orientierung. Auch Themen wie Vaginismus, vorzeitiger Samenerguss, Fetische oder Pornosucht kommen regelmässig vor.
citymed: Wie läuft eine Sexualberatung konkret ab?
Katja Merk: Zuerst klären wir gemeinsam das Anliegen und den aktuellen Ist-Zustand. Es wird einiges erfragt, genau zugehört und oft auch Wissen vermittelt. Je nach Thema arbeiten wir mit Wahrnehmungsübungen und Aufgaben für zu Hause. In der Beratung bleiben alle bekleidet – es geht darum, ein Verständnis für die eigenen Körperreaktionen zu entwickeln, den Körper besser wahrzunehmen und neue Erfahrungen zu ermöglichen.
citymed: Ein zentrales Thema ist Lustlosigkeit. Warum betrifft sie meist beide Partner?
Katja Merk: In langfristigen Beziehungen ist es völlig normal, dass eine Person weniger bzw. mehr Lust hat als die andere. Der Umgang mit dieser Ungleichheit wirkt sich immer auf beide Personen aus. Häufig fehlt das gegenseitige Verständnis, was einen Teufelskreis aus Druck, Rückzug, Vorwürfen und Frustration entstehen lässt. In der Beratung können diese Dynamiken sichtbar gemacht und verändert werden.
citymed: Welche Rolle spielen Atmung und Bewegung in der Sexualität?
Katja Merk: Eine sehr grosse. Oberflächliche Atmung und hohe Körperspannung können Erregung blockieren oder Schmerzen begünstigen. Durch bewusste Atmung, Bewegung und differenzierte Wahrnehmung kann eine Person lernen, Sexualität genussvoller, selbstbestimmter und sicherer zu erleben.
citymed: Viele Männer leiden unter Erektionsproblemen. Wie begegnen Sie diesem Thema?
Katja Merk: Zuerst mit Entlastung: Erektionsprobleme sind früher oder später ganz normal und gehören zur sexuellen Entwicklung dazu. Ziel ist es, den Leistungsdruck zu reduzieren und die Wahrnehmung im ganzen Körper zu stärken. Der Fokus soll von der Angst zu Versagen auf den Genuss gelenkt werden. Eine Erektion kann nicht „gemacht“, sondern nur zugelassen werden.
citymed: Auch der vorzeitige Samenerguss ist ein häufiges Thema. Was sind typische Ursachen?
Katja Merk: Oft stehen Leistungs- und Versagensängste im Zentrum. Diese lösen Stressreaktionen und eine erhöhte Spannung im Körper aus, die eine schnelle Ejakulation begünstigen. In der Beratung arbeiten wir an Körperwahrnehmung (insbesondere mit dem Beckenboden), Stressregulation und sexueller Selbstsicherheit.
citymed: Ein weiteres sensibles Thema ist Vaginismus. Wie erklären Sie dieses Phänomen?
Katja Merk: Vaginismus ist eine unwillkürliche Schutzreaktion des Körpers. Der Beckenboden spannt sich stark an, um ein Eindringen zu verhindern. Diese Reaktion schützt vor Schmerz oder Bedrohung und macht für den Körper in dem Moment Sinn. In der Beratung lernen Frauen, diese Anspannung wahrzunehmen und bewusst und selbstbestimmt schrittweise zu lösen.
citymed: Wie lange dauert eine Sexualberatung in der Regel?
Katja Merk: Eine Sitzung dauert 60 Minuten, bei Paaren macht es Sinn für die erste Beratung 90 Minuten einzuberechnen. Manche Anliegen lassen sich in wenigen Sitzungen klären, andere benötigen einen längeren Prozess mit fünf bis zu zwanzig Sitzungen. Die Dauer bestimmt immer die Klientin oder der Klient selbst.
citymed: Was möchten Sie Menschen mitgeben, die unsicher sind, ob Sexualberatung das Richtige für sie ist?
Katja Merk: Sexualberatung ist ein geschützter Raum ohne Druck. Jede Person entscheidet selbst, worüber sie sprechen möchte und was sie umsetzen will. Es geht nicht darum, „richtig“ zu sein, sondern die eigene Sexualität nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten.
citymed: Frau Katja Merk, vielen Dank für das offene und informative Gespräch.
Katja Merk: Ich danke Ihnen – sehr gerne.